Mal ehrlich – schalten Sie Ihr Handy irgendwann mal richtig aus? Stellen Sie Ihre Benachrichtigungen über SMS, Whatsapp etc. auf lautlos, damit Sie nicht ständig gestört werden? Und wenn Sie Ihr Handy vergessen haben, werden Sie dann unruhig? Neue Studien belegen, dass die Handy-Nutzung – und hierbei die Online-Aktivitäten, nicht das persönliche Telefonieren – sprunghaft zunimmt und in dem erreichten Ausmaß zu nachweisbaren Problemen führt.

Bezeichnend finde ich, dass – während ich den Blog-Beitrag aus meinen Recherchen zusammenstelle – im Radio ein Bericht über eine Untersuchung über Smartphone-Nutzung im Verkehr läuft mit dem erschreckenden Ergebnis, dass 34 Prozent der Autofahrer unter 35 Jahre aktiv das Handy nutzen, um Nachrichten zu schreiben und zu checken etc.(Statista) Die Polizei in einigen bayrischen Gemeinden kontrolliert deshalb jetzt verstärkt die Autofahrer. Der interessante Kommentar der Moderatorin: „Wer bei 50 km/h eine Sekunde auf sein Smartphone schaut, fährt 15 Meter im Blindflug…“.

Neben der Gefahr im Straßenverkehr interessieren mich jedoch stärker die Auswirkungen generell im Leben des „Homo Handicus“. Die Zeitschrift „Wirtschaftspsychologie aktuell“ hat in Ihrer Sommerausgabe (2/2015) das Thema „Mobil, flexibel und gestresst“ beleuchtet. Darin stellt unter anderem der Psychologe Prof. Dr. Christian Montag, Universität Ulm, seine neue Studie zum Thema Internet-Abhängigkeit über Smartphones vor. Ausgehend von der Erkenntnis das am Smartphone nicht das Telefonieren zur übermäßigen Nutzung verführt, sondern die Internet-Anwendungen wie Mails, Whatsapp, Facebook und sonstige Netzwerke sowie mobile Apps, stellte er in einer Studie fest, dass der Smartphone-Nutzer durchschnittlich alle 12 Minuten sein Handy checkt oder für eigene Nachrichten nutzt. Durchschnittlich!! (Müssen Sie auch gerade an die jungen Autofahrer denken…).

Seine Betrachtung zielt auf die Relation zwischen Handy-Nutzung und Produktivität. Seine Untersuchung hat festgestellt, dass wir bei ständiger Ablenkung im Gehirn zum einen die Fähigkeit verlieren, komplexe Gedanken und Situationen zu durchdringen und weiterzuentwickeln, denn dafür braucht es die fokussierte Verfolgung des Gedankens. Und zum anderen verlieren wir die Konzentrationsfähigkeit in der produktiven Erarbeitung komplexer Aufgaben. Zwar wären beide Fähigkeiten wie beim Muskelaufbau wieder antrainierbar, aber mit hoher Handy-Nutzung verfällt die Fähigkeit zum komplexen Denken sowie zur Konzentration zunehmend. Diese Entwicklung hat auch Auswirkung auf den „Flow“, bei dem man alles um sich herum vergessen kann und in einer Art Arbeitsrausch die Aufgabe wie „geschmiert“ erledigt. Und da wir nicht mehr abschalten – das Handy, das Outlook am PC mit all den Hinweistönen -, kommen wir auch immer seltener in solche Flow-Phasen. Eine klare Absenkung unserer Produktivität, die auch die Wirtschaft schon bemerkt.

Neben den Einbußen in der Produktivität geht mit der ständigen Nutzung eine Aushöhlung der Ruhephasen einher. Wir beschäftigen uns auch nach dem Feierabend mit Firmenaufgaben und kommen so nicht zum Verarbeiten der bisherigen Aufgaben und Erlebnisse des Tages. Wir nehmen ständig Informationen von Freunden und Familie gleichzeitig mit realen Erlebnissen auf, so dass wir uns auf das gerade Geschehende nicht mehr einlassen können. Wir befeuern unser Hirn stetig mit vielen unnötigen Reizen, noch kurz vor dem Schlafengehen und morgens gleich beim Aufwachen. Abschalten, Verarbeiten, Einordnen – all das ist nur noch auf wenige Stunden Schlaf reduziert. Unsere Widerstandskraft und Stressresistenz wird löcherig, was sich in Überforderungssymptomen und zuletzt Krankheiten niederschlägt.

Nun geht es weder Prof. Montag noch vielen Experten (oder auch mir mit diesem Beitrag) darum, das Smartphone zu verteufeln. Vieles ist dadurch erheblich einfacher und überhaupt erst geworden, aber nicht erst die Diskussion, diese Thematik als Sucht in den DSM-V Katalog aufzunehmen, zeigt, dass wir über unsere Nutzung des Smartphones bewusst nachdenken müssen. Ein paar Tipps vom Psychologen zeigen, wie einfach es gehen kann. Und seien Sie sich bewusst, je mehr Sie darüber den Kopf schütteln und sagen, das brauch ich nicht, so näher sind Sie am Suchtverhalten:

  • Nutzen Sie zuhause einen normalen Wecker und tragen Sie tagsüber eine Armbanduhr
  • Schließen Sie Ihr Email-Postfach und schalten Sie Ihr Handy aus, wenn Sie eine komplexe Aufgabe zu erledigen haben
  • Schalten Sie die Mail-Eingangsmeldungen ab und legen Sie Zeiten fest, an denen Sie Mails checken
  • Vereinbaren Sie bei Treffen mit Freunden, dass keine Handys gecheckt werden, sondern konzentrieren Sie sich auf Ihr Gegenüber
  • Schaffen Sie digitale Freizonen – das Schlafzimmer gehört dazu und ab 20 Uhr spätestens das Abschalten des Geschäfts-Smartphones

Versuchen Sie es doch mal für vier Wochen und trainieren Sie dabei Ihre Hirnmuskeln wieder bewusst… – für mehr Produktivität und Resilienz!